April 2020: Kenia / Nairobi: physical distancing im Mathare slum

Physical Distancing ist ein Privileg der Mittel- und Oberschicht.

Für die Slumbewohner und die Landbevölkerung der afrikanischen Länder wird es unmöglich sein, diese neue Notwendigkeit, die physikalische Distanzierung, zu verwirklichen. Seit einigen Tagen haben Tausende von Slumbewohnern, die normalerweise für ihren Tageslohn zur Arbeit gehen, es nicht mehr gewagt, die Hütten ihrer Familie zu verlassen, da die Regierungen aus einem sehr verständlichen lebensrettenden Grund Ausgangssperren verhängt haben.

Die Situation wird für die Menschen von Tag zu Tag verzweifelter. In den Slums gibt es kein fließendes Wasser und keine hygienischen Toiletten. Familien haben wenig zu essen , es fehlen ihnen andere elementare wichtige Dinge.

Diese Slumbewohner sind Gelegenheitsarbeiter und erhalten keine Bezahlung, wenn sie nicht zur Arbeit gehen.

Die Bevölkerung in Kenia versucht, die 21-tägige landesweite Ausgangssperre einzuhalten. So soll die Ausbreitung des Coronavirus in der gesamten Bevölkerung verhindert werden. Soziale Distanzierung ist nicht nur für Kranke und ältere Menschen, sondern für jeden Einzelnen verpflichtend, wo immer er lebt. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, welcher Gefahr die Menschen aufgrund der raschen Ausbreitung ausgesetzt sind, Die Menschen in Afrika hören von der Bereitschaft gerade auch jener Länder im  Westen, die hochentwickelte gute  Gesundheitssystemen haben. Für afrikanische Länder bedeutet dies jedoch, dass nur die Mittel- und Oberschicht  in ihren komfortablen Häusern bleiben können, in ihren grünen Vierteln joggen, aus ihren prall gefüllten Kühlschränken überleben und sogar von zu Hause aus mit moderner Technologie arbeiten können.

Das Chaos, das sich in den letzten Tagen in den meisten afrikanischen Ländern auf dem Land und in den Slums entwickelt hat, zeigt, dass für  viele Millionen Menschen aus unteren Schichten soziale Distanzierung  physisch und wirtschaftlich unmöglich sind. Die Unterkünfte in den dicht besiedelten Slums  sind so überfüllt mit Menschen, die sich  kaum bewegen können, ohne dass sich ihre Körper ständig berühren. Es gibt nur  gemeinsame Toiletten und Wasserstellen außerhalb ihrer Häuser, oft weit abgelegen. Diese Menschen leben praktisch alle zusammen unter einem Dach. Wenn jemand krank wird, sind alle betroffen und infiziert. Obwohl nur in den großen Städten einige Fälle von Covid 19-Infektionen registriert wurden, befindet sich der Rest der Bevölkerung in Panik. Viele gehen zurück in ihre Dörfer, ungeachtet der Warnung der Regierung, den Verkehr einzuschränken. Es herrscht Ausgangssperre.

Das Besorgniserregendste an diesem neuartigen Virus ist die nachgewiesene Erkenntnis, dass Infizierte das Virus durch Kot, Urin oder Schweiß weitergeben. Dies erhöht die Gefahr einer Übertragung in Gemeinschaftstoiletten und an jenen Orten, wo noch immer  eine offene Defäkation besteht.

Ein anderer Grund, weshalb Slumbewohner sich nicht distanzieren und isolieren können, ist sehr einfach: Sie müssen arbeiten. Sie sind Tagelöhner  und leben in der Regel von «Hand zum Mund» und verdienen zwischen 2 und 3 Dollar pro Tag.

Auch die Lieferketten sind geschlossen, so geht die Beschäftigung verloren, es gibt kein Geld, um das Allernötigste zu kaufen. im Gegensatz zu den Reichen können sie es sich seit jeher nicht leisten, sich einzudecken. Sie kaufen Tag für Tag ein, doch jetzt sind und bleiben die Regale leer.

Die Arbeiter stehen vor einem qualvollen Dilemma: Gehen sie zur Arbeit, dann riskieren sie eine Infektion, bleiben sie zu Hause leiden sie und ihre Familien unter extremem Hunger. Für den, der überhaupt noch Arbeit hat, besteht  keine Wahl. Und was   Reinigungsmittel betrifft:  Sie gelten als grundlegende Dienstleistung. Doch Menschen  aus den Slums sammeln Krankenhausabfälle, gehen dann zurück  in ihre engen Hütten zu ihren Familien. Sie erhalten keine Schutzausrüstung wie Masken oder Handschuhe.  Sie kennen auch nicht die Gefahren der Übertragung von Coronaviren. Und was  wird geschehen, wenn sie krank werden?

Slumbewohner, die nicht zur Arbeit gehen können, sagen uns, dass sie an Hunger sterben werden, nicht das Coronavirus tötet sie.

Dan Amolo – während vielen Jahren lebte er in den Slums in Nairobi als Sozialarbeiter, er ist Projektleiter von PBF