Pilgernden dienen – Eine spirituelle Verpflichtung
In nahezu allen religiösen Traditionen gilt die Speisung eines Reisenden oder Pilgers nicht nur als Akt der Nächstenliebe, sondern als heilige Pflicht. Diese Form der Gastfreundschaft gegenüber dem Fremden entspringt dem Glauben, dass im Dienst am Gast zugleich dem Göttlichen gedient wird.
In Lalibela wird die Feier von Genna, dem äthiopischen Weihnachtsfest am 7. Januar, zu einem eindrucksvollen Ausdruck dieser jahrhundertealten Tradition. Tausende Pilger, viele von ihnen wochenlang zu Fuss unterwegs, erreichen das „Neue Jerusalem“ in tiefer spiritueller Hingabe.
Für PBF ist Lalibela nicht nur ein Einsatzort, sondern ein Ort gelebter Verbundenheit. Unsere Präsenz gleicht eher einer familiären Beziehung als einer klassischen Hilfsorganisation. Aus diesem Verständnis heraus teilen wir die spirituellen Werte der Gemeinschaft und engagieren uns seit Jahren in zwei zentralen Diensten:
- Das Ritual der Fusswaschung
Die Fusswaschung der Pilger in Lalibela ist eine unmittelbare Nachahmung der Handlung Jesu, der seinen Jüngern die Füsse wusch. In der äthiopisch-orthodoxen Tradition ist sie weit mehr als ein kirchliches Symbol – sie ist ein zutiefst menschlicher, gemeinschaftlicher Akt der Demut und Fürsorge.
Viele Pilger erreichen Lalibela erschöpft, staubbedeckt und mit verletzten Füssen, da sie oft barfuß über schroffe vulkanische Landschaften wandern.
Ein Team von PBF-Freiwilligen, bestehend aus unseren eigenen Begünstigten, empfängt die Ankommenden und wäscht ihnen die Füsse. Auch unsere lokalen Vertrauenspersonen sind jedes Jahr aktiv beteiligt – von der Organisation bis zur praktischen Ausführung.
Allein in diesem Jahr konnten wir über 8.000 Pilger auf diese Weise dienen und empfingen unzählige Segenswünsche und Dankesbekundungen.
- Die Speisung der Pilger
Viele Pilger reisen mit nur wenigen Vorräten und vertrauen unterwegs auf die Grosszügigkeit der Menschen entlang ihres Weges. Diese Form des „gehenden Glaubens“ führt dazu, dass sie körperlich erschöpft, aber geistig gestärkt in Lalibela eintreffen.
Wie in den vergangenen Jahren boten wir auch diesmal ein einfaches, aber nahrhaftes Pilgermenü an: sauberes Trinkwasser, Brot sowie Injera mit Shiro, einem traditionellen Bohnenmehl-Eintopf. Jede Person, deren Füsse gewaschen wurden, erhielt dieselbe Mahlzeit – ein Ausdruck unserer Überzeugung, dass jeder Mensch mit derselben Würde empfangen werden soll.
Für PBF ist diese Arbeit ein zutiefst menschlicher Dienst. Das Speisen eines Pilgers wird in Lalibela als Speisung Christi selbst verstanden – eine Fortführung jener biblischen Gastfreundschaft, die der Heiligen Familie zuteilwurde.
Zentrale Botschaft
Die Gastfreundschaft während Genna in Lalibela ist eine spirituelle Investition in die Gemeinschaft und in die Pilger selbst. Die Rituale der Fusswaschung und der Speisung sind eng miteinander verbunden und bilden eine heilige Willkommensgeste für die Hunderttausenden, die jedes Jahr zu Genna nach Lalibela kommen.
Viele von ihnen wandern wochenlang barfuss – und so werden diese Gesten zu einem Akt der körperlichen Linderung und zugleich zu einem tiefen spirituellen Zeichen der Liebe und Demut.




Mesay Mequanent, Koordinator Lalibela