Oktober 2021: Äthiopien / Lalibela: Belagerung und Flucht ins Nirgendwo!

Lalibela: Belagerung und Flucht ins Nirgendwo!

Der Krieg zwischen der Bundesregierung und den militanten Tigray-Kämpfern geht weiter und Lalibela bleibt seit dem 5. August 2021 unter der Kontrolle der TPLF. Hunderte von Menschen flohen und fliehen weiterhin aus Lalibela.

Dies ist eine Katastrophe mit vielfältigen Auswirkungen auf das Leben sowohl derjenigen, die in Lalibela festsitzen, als auch derjenigen, die Hunderte von Kilometern in andere nahe gelegene Städte wandern, insbesondere nach Bahir Dar, der wichtigsten Stadt der Amhara-Region.

In diesem Zusammenhang bin ich, Mesay,  aus Addis Ababa nach Bahir Dar gereist, wo ich mich mit meinen PBF-Kollegen Abebe und Sisay zusammengetan habe, um mir ein Bild von der aktuellen Situation der aus Lalibela vertriebenen Menschen zu machen und um zu analysieren, was PBF für diejenigen tun kann, die lebensrettende Unterstützung benötigen.

Allgemeines

Jeden Tag verlassen Hunderte von Menschen, darunter Junge, Alte, Kinder, schwangere Frauen und Frauen mit kleinen Kindern auf dem Rücken, Lalibela in Richtung Bahir Dar. Die meisten Menschen erreichen Bahir Dar nach einem mehrtägigen Fussmarsch.

Ihr Elend geht auch nach ihrer Ankunft in Bahir Dar weiter, denn viele von ihnen haben keine Unterkunft, keine Mahlzeit, keine Medikamente für die Kranken, keine Milch für die Kinder und vieles mehr

Mesfin, 40, ein langjähriger Freund von PBF, der früher als Fremdenführer gearbeitet hat, ist unter ihnen. Er erinnert sich noch mit Tränen an die Herausforderungen. Er sagt: «Das war die Zeit, in der ich mein Leben gehasst habe». Er kam mit seinem jüngeren Bruder und ließ seine alte Mutter zurück, da sie nicht mehr so weit gehen konnte. Sie waren zwei Tage lang zu Fuss unterwegs und Mesfin musste seinen kleinen verletzten Bruder auf dem Rücken tragen. In den ersten Tagen in Bahir Dar wohnten sie bei Freunden, aber jetzt sind sie ausgezogen und müssen 15 Birr pro Nacht bezahlen, um bei jemandem auf der Strasse zu schlafen.

Genanu, ein 36-jähriger Lehrer, der aus einem kleinen Dorf außerhalb von Lalibela stammt, kam vor einigen Wochen in Bahir Dar an, nachdem er vier Tage lang mit seiner Frau und seinen fünf Kindern unterwegs war. Die Eltern mussten die Kinder auf dem Rücken tragen. Eine seiner Töchter, Serkie, im Alter von 3 Jahren, litt an schwerer Unterernährung, da sie keine ausgewogene und angemessene Nahrung erhielt. Ich kann das Leid, das die Familie durchgemacht hat, an der schmutzigen Kleidung, der geschädigten  Psyche und den blassen Gesichtern ablesen. Sie fanden Zuflucht in einem Kirchengelände, wo sie 10 Tage lang blieben, dann aber aufgrund der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen gezwungen waren, das Gelände zu verlassen. Sie haben einen Plastikunterstand an einem Straßenrand errichtet.

Habtu Agazzu ,24, einer der Projektträger von PBF in Lalibela, der als Kunsthandwerker arbeitete und Fahrzeuge des öffentlichen Nahverkehrs mit bunten Aufklebern verzierte, zog mit seinem jüngeren Bruder nach zwei Tagen Fussmarsch ebenfalls nach Bahir Dar. Habtu trug einige seiner Werkzeuge und verschiedene Materialien mit, weil er in Bahir Dar mit seiner Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen wollte. Er hat begonnen, auf der Strasse zu arbeiten, um mit seinem kleinen Bruder zu überleben. Tagsüber nimmt er seinen Bruder mit. Und nachts übernachten sie bei jemandem, dem er 25 Birr pro Nacht für eine Schlafstelle auf dem nackten Fussboden zahlt.

Arbeitsgemeinschaft (Komitee)

Aufgrund der schwierigen Lebensumstände, mit denen sie ständig konfrontiert sind, haben sich die Menschen organisiert und eine vorübergehendes Komitee/ Arbeitsgemeinschaft gegründet. Sie koordiniert Spendenaktionen, Vorsorgeuntersuchungen, medizinische Hilfe und andere Nothilfemassnahmen anhand von Unterlagen über die Vertriebenen von Lalibela.

Sie hat mit sehr begrenzten Mitteln die folgenden Punkte zusammengestellt:

  1. Die Gesamtzahl der Vertriebenen in und um Lalibela beträgt 2900 (450 Frauen und 2450 Männer).
  2. 1200 Menschen, die sofortige Nahrungsmittelhilfe benötigen: Die Arbeitsgemeinschaft hat nur für 350 Menschen die Möglichkeit schaffen können, zweimal täglich eine Mahlzeit zu erhalten. 60 Birr pro Person und Tag. Das sind insgesamt 21.000 Birr pro Tag für 350 Menschen.
  3. 200 Personen benötigen medizinische Behandlung und Medikamente.
  4. Erleichterung der finanziellen Unterstützung von 50 College- und Universitätsstudenten in Bahir Dar. Sie müssen ihre Schulgebühren bezahlen, damit sie in der Schule bleiben können. Dementsprechend gab die Arbeitsgemeinschaft 20.000 Birr für das Schulgeld für einen Monat aus.
  5. In Zusammenarbeit mit der Regierung konnte das Komitee eine Nahrungsmittelhilfe für mehr als 1000 Familien organisieren. Jede Person erhält 15 Kilo Weizenmehl. Das Verblüffende daran ist, dass die Menschen nicht in der Lage sind, dieses Mehl zu verarbeiten, sondern es verkaufen, um eine gekochte Mahlzeit zu kaufen.
  6. Dieses Komitee konnte Medikamente kaufen und an die in Lalibela eingeschlossenen Menschen schicken.

N.B.: Das dafür notwenige Geld wurde vom gleichen Komitee in Addis Abeba und mit Beiträgen einiger Einzelpersonen gesammelt: Das Komitee in Addis konnte eine Woche lang Spenden sammeln und PBF war auch in diesem Komitee vertreten.

 Mesay, Sisay, Abebe