Februar 2020: Äthiopien / Lalibela: Selbsthilfe – Warkaw Destaw

Selbsthilfe: Wer Warkaw Destaw begegnet, geht gestärkt den eigenen Weg weiter

Er war für mich seit 2010 sehr speziell, dieser kleingewachsene, äusserst lebendige Warkaw!  Er hat sich bei Getachew, dem Verantwortlichern in den ersten Jahren von PBF, eingesetzt, beim Honigprojekt. Das war meine erste Begegnung mit ihm. Heute, so schreibt Mesay, ist er ein sehr starker, engagierter Erwachsener, der sich immer um Veränderungen bemüht. Mesay erinnert sich, wie sehr der umtriebige Warkaw versuchte, sein Leben zu verändern, er verkaufte gebrauchte Kleidung auf der Straße.

Auch Hans-Peter Hutter war beeindruckt als er nach seinem Besuch 2010 über Warkaw, den Strassenhändler, schrieb:

Lalibela, die kleine Stadt auf dem nördlichen Hochplateau von Äthiopien, ist nicht nur Anziehungspunkt für Touristen wegen seiner eindrücklichen, in den Felsen gehauenen Kirchen sondern auch Zentrum einer ausgedehnten Gebirgsregion. Allwöchentlich ziehen nicht endend wollende Menschenscharen auf den staubigen Strassen in die Stadt auf den Markt mit ihren Eseln und Kühen, ihrem von Hand gesammelten und nun auf dem Rücken getragenen Holz oder mit ihrem selbst geernteten Bienenhonig.

In dieser kleinen Stadt, die vom Tourismus langsam aus den Jahrtausende langen Schlaf aufgeweckt wird, haben zahlreiche Einheimische begonnen, ein kleines Geschäft an der Strasse zu eröffnen, um das, was sie haben oder selber herstellen können wie Esswaren, Waren für den täglichen Bedarf oder Souvenirs feil zu bieten. Es gibt bereits zahlreiche Läden der Strasse entlang, die im Wesentlichen aus einem kleinen Container bestehen, wo das Verkaufsgut gelagert, ausgestellt und auch gleich verkauft wird.

Warkaw steht an diesem Morgen auch an der Hauptstrasse durch Lalibela, die Richtung der steinbehauenen Kirchen und dem Markt führt. Er ist ein aufgeweckter junger Mann in grünen Hosen mit dreifach umgeschlagenen Hosenstössen und ebenfalls grünlichen Plastiksandalen, einem grauen T-Shirt , das er unter einer ausgetragenen Trainerjacke trägt. Unter dem Arm hält er in einem ebenfalls grünen Plastiksack, gut sichtbar einen Bund von frisch geschnittenen Holzstecklein. In der Hand hält er einen vierkantigen Metallstift, mit dem er die Stecklein vor dem Verkauf so präpariert, dass sie für die Pflege der Zähne bestens verwendet werden können, was angesichts der blendend weissen Zähne der meisten Äthiopier offensichtlich auch bestens funktioniert
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Neben sich hat Warkaw einen Stuhl aufgestellt und einen Wassereimer, wo eben ein Passant seine weissen Turnschuhe gegen ein kleines Entgeld reinigt. Auf der anderen Seite hat Warkaw eine Holzablage mit einer Plastikfolie bedeckt. Darauf sind einzelne Kleider, Tücher und ein paar Socken zur Schau gestellt und zum Kauf angeboten. Diese hat Wakaw in Addis günstig bekommen und versucht sie nun hier auf der Plasitkplane weiter zu verkaufen.

Ein kleines Plakat, das Warkaw hinter sich an der Strassenmauer angebracht hat, verspricht, dass man hier auch telefonieren kann. Dazu hat Warkaw in seiner linken Hand ein Mobiltelefon, mit dem die vorbeiziehenden Leute ihre Telefongespräche gegen Entgeld führen können. Viele Äthiopier können sich kein eigenes Mobiltelefon leisten und öffentliche Telefone gibt es kaum. Für diese ist Warka die einzige Gelegenheit, entfernte Verwandte und Bekannte schnell zu kontaktieren.

Warkaw zeigt, wie mit Fantasie und Geschäftssinn mit praktisch nichts ein Geschäft betrieben werden kann. Er wird inzwischen von der PBF mit einem Container unterstützt, der ihm als Lager und Verkaufsraum dienen wird.“

Vor einigen Jahren begann Warkaw einen sehr vernachlässsigten, von Abfall überhäuften Abstellplatz zu reinigen. Dort gedeiht jetzt etwas Gemüse. Mesay stellt heute fest, dass es nur ganz wenige Menschen in Lalibela gibt, die eine so starke und zielführende Arbeitsmentalität aufweisen wie etwa Warkaw. Den wenig ertragreichen Gemüseanbau musste er nach zwei Jahren wieder einstellen, da das Einkommen zu gering war für den minimalen Lebensunterhalt. Er behielt das Land und sinnt nach über eine neue Nutzung.

 

Warkaw legt die Hände nicht in den Schoss und bleibt nicht untätig. Heute arbeitet er an der Reception in einem Gästehaus, das der Orthodoxen Kirche gehört. Dort erhält er 36 Fr. (1200 Birr) pro Monat. Er ist inzwischen verheiratet und hat zwei Töchter. Seine Frau arbeitete als Putzfrau in einem Hotel, doch als das zweite Kind kam, hat sie der Hotelbesitzer entlassen.

Warkaw hat die Vision, das von ihm gepflegte, kleine Stück  wieder zu nutzen, vielleicht für eine Imbissecke, die am Morgen und am Abend geöffnet ist. An diesem Ort sollte dies ein gutes Geschäft werden. Sein Mut, seine ursprüngliche  Willenskraft und seine positive Einstellung sind ungebrochen.

PB/Mes