Februar 2020: Perspektiven für Waisen – das Beispiel Bakela

Mesele Misgan, man nennt ihn «Bakela»,  wurde im kleinen Dorf Genetemariam, etwa 30 km östlich von Lalibela, geboren und ist heute 20-jährig. Seit seiner frühesten Kindheit stand er vor  mannigfaltigen Herausforderungen.

Bakela weiss wenig, ja kaum etwas zu erzählen über seine Eltern als ihn  Mesay vor einigen Tagen danach fragte. Der Vater starb als Bakela zweijährig war, die Mutter verlor Bakela als neunjähriger Bub. Die Nachbarn und Verwandten erzählten dem Kind aus seinen ersten Lebensjahren. Der Vater sei eigentlich ein tüchtiger Bauer gewesen, die Mutter sorgte für das Hauswesen und kümmerte sich um Bakela.  Er war ihr einziges Kind.  Dann starb auch die Mutter. Das Leben wird für Bakela sehr schwierig. Bei den Verwandten gab’s keinen Platz. Dort gab es  ja bereits viele Kinder  und Bakela , eher schüchtern und ohne kräftige Muskeln zum Anpacken in der Landwirtschaft, litt am Gefühl wertlos und überflüssig zu sein.

An einem Samstag, es war noch dunkel, bittet der Elfjährige  nach Lalibela mitgenommen zu werden. Am Samstag ist in Lalibela Wochenmarkt. Noch am selben Tag verschwindet Bakela in der für ihn «neuen Welt» von Lalibela. Es war seine Absicht dort seinem Leben eine  neue Perspektive zu geben – ohne ständigen Hunger und Abhängigkeit. Er schläft am  Strassenrand, hüllt sich in eine vergammelte Decke. Die Nächte sind kalt auf 2500 Meter Höhe. Hier findet er seine späteren Freunde – Guantanamo, Senafure, Seifu, Assefa und viele andere, die unsere Stiftung während vielen Jahren und bis heute beschäftigen sollten.

Bakela steht fast am Anfang einer Tätigkeit von PBF, die bis heute  nicht nur einen grossen finanziellen Aufwand  fordert, sondern  vor allem  die persönliche Begleitung, Beratung und Ermutigung von den Verantwortlichen von PBF vor Ort voraussetzen für ein gutes Gelingen dieser zunehmend grossen Zahl von Waisen. Seit eh und je sieht die Stiftung hier eine ihrer ureigensten Aufgaben. Mehary Girma, ein junger, gut ausgebildeter Lehrer aus Lalibela, übernahm seinerzeit diese Aufgabe  vollamtlich. Da er in Lalibela sehr gut vernetzt war, hat er gut funktionierende, bis heute in Lalibela  total fehlende Sozialstrukturen aufgebaut. Dies ist in einem eigenen Bericht später im Detail zu beschreiben.

Unsere Kinder, Waisen, auch Bakela, leben auf der Strasse, erzählen einander ihre «Erfahrungen» mit Touristen, bei denen sie tagsüber ein paar Birr Beute machen – wenn sie Glück hatten. Sie kauften irgendetwas zum Überleben, sammelten Essensreste aus den Cafes oder Hotels.

Bakela fand 14jährig,  zusammen mit vielen anderen, bei den Veratwortlichen der Stiftung vor Ort, bei Girma und Getachew,  Aufnahme. Das bedeutet einen völlig neuen Anfang und ist für Bakela der glücklichste Tag seines Lebens. Aus seiner Sicht heute veränderte sich damals alles, wie er Mesay, dem Trustee heute in Lalibela, erzählt. In einem eigens gemieteten Gebäude fanden die Waisen Unterkunft, besuchten regelmässig die Schulen, ja wurden zu den besten in ihrer Klasse. Noch heute vorliegende Zeugnisse zeigen hervorragende  Leistungen dieser Jungen. PBF ist stolz auf »seine Waisen» und erhält hohe Anerkennung von Schulleitungen! Der Stiftung ist es gelungen in diesem Bereich wertvolle Erfahrungen zu sammeln. An dieser Stelle muss nochmals  mit grossem Dank Mehary erwähnt werden,  der diese Strukturen in uneigennütziger Weise geschaffen hatte. Sein Abschied von seiner Arbeit ging ihm äusserst nahe. Nach einem Studium in Sozialarbeit in England arbeitet Mehary heute in der Stadt Kombolcha bei einer NGO.

Die Hinführung zu verantwortungsbewusster Unabhängigkeit gehört zu den Zielen von PBF. Bakela empfand die «Enge» der Wohnstruktur im Heim, verliess das Waisenhaus und setzte seine ganze Hoffnung erneut auf PBF. Zu Mesay sagte er kürzlich im Gespräch: «Wie eh und je setze er sein ganzes Vertrauen in die Stiftung.»

Bakela hat  mit dem 10. Schuljahr die obligatorische Ausbildung abgeschlossen. Daran schloss sich eine Ausbildung in der Berufsschule an in der Abteilung Hotelbetrieb.  Bakela fand keine Anstellung. Es fehlt bis heute landesweit an Stellenangeboten. Die Jobs werden an Verwandte und Freunde weitergegeben. Bakela steht allein für sich selbst. Den einzigen Rückhalt sieht er bei PBF.

Die Erwartungen von Bakela sollen nicht enttäuscht werden. Zusammen mit zwei anderen Jungen aus dem Waisenhaus eröffnet er in einem Container ein kleines Geschäft für Elektronikzubehör. Das Material wird in Addis Abeba abgeholt und gewinnbringend weiterverkauft. Die drei erreichten gute Erfolge und führten das Geschäft fast zwei Jahre. Doch uneins unter sich, lösten sie das Geschäft auf und gingen ihre eigenen Wege.

Doch PBF hat Bakela, seine sehr lange Zugehörigkeit zu unserer Stiftung nicht vergessen. Die beiden anderen Kollegen aus dem Elektronikladen stehen ebenfalls in engem Kontakt mit PBF und werden von Mesay beraten und begleitet.

Bakela  ging nach Addis Abeba,  nachdem sein Geschäft geschlossen wurde. Er wollte weiterstudieren, schliesslich hatte er die Vorausetzungen dafür. Doch Bakela stand vor Existenzproblemen hohen Ausmasses in dieser Millionenstadt. Er litt an Einsamkeit, Krankheit, war auf Kreise angewiesen, die ihm nicht  förderlich waren. Wir holten ihn zurück nach Lalibela, um hier – wie eh und je – für sein Leben einen Sinn abzugewinnen. Es ist jetzt geplant einen Spieltisch anzuschaffen, der Eigentum von PBF  bleibt, und Bakela etwas Einkommen  bringt. Bei einem TV Gerät DSTV sollten auch Fussballspiele  und Filme angesehen werden können. In Lalibela stehen dafür nur ganz wenige Möglichkeiten zur Verfügung. Es  ist mit gutem Grund zu hoffen, dass Bakela damit vor einer erfolgversprechenden  Perspektive steht.

PB